Question: Was ist mit Identitätspolitik gemeint?

Contents

Identitätspolitik (englisch identity politics) bezeichnet eine Zuschreibung für politisches Handeln, bei der Bedürfnisse einer spezifischen Gruppe von Menschen im Mittelpunkt stehen. Angestrebt werden höhere Anerkennung der Gruppe, die Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Position und die Stärkung ihres Einflusses.

Das ist kein simples historiographisches Unterfangen. Denn wer nach der Geburtsstätte des Kapitalismus fragt, so der griechische Marxist und Wirtschaftswissenschaftler, muss zuerst bestimmen, was das spezifisch Kapitalistische am Kapitalismus ist.

Und diese Bestimmung scheint nicht weniger umstritten als die Frage nach dem Ursprung. In der kürzlich im Dietz-Verlag erschienenen Studie über die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus stellt Milios eine Reihe von mittlerweile klassischen - marxistischen wie nicht-marxistischen - Ansätzen vor.

Von divergierenden Auffassungen vom Kapitalismus ausgehend, bestimmen diese für dessen Geburtsstunde verschiedene Orte und Zeiten: Babylon, die griechische Antike, das römische Reich, das feudale England, die englische Großindustrie, die damals kolonialisierten Länder Südamerikas und das spätmittelalterliche Mittelmeer konkurrieren darum, Urstempel des Systems zu sein, das wir viele Jahrhunderte später fertig vorgefunden haben.

Yascha Mounk: „Ich verstehe den Patriotismus als halbwildes Tier“

Entstehung und Reproduktion Milios bewegt sich in seiner Studie auf zwei Ebenen - einer theoretischen und einer historischen. Die theoretische Ebene expliziert die formalen Bedingungen, unter denen von etablierten kapitalistischen Verhältnissen die Rede sein kann. Allen herangezogenen Ansätzen beziehungsweise Denktraditionen - die deutsche historische Schule der Nationalökonomie, die Weltsystemtheorie, die Brenner-Debatte - gerate nach Milios aus den verschiedensten Gründen das spezifisch Kapitalistische am Kapitalismus aus dem Blick, weshalb sie auf eine Überhistorisierung des Kapitalismus hinauslaufen.

Am häufigsten begegnet man der Vorstellung, Kapitalismus sei mit dem Unternehmertum gleichzusetzen, womit jedwede geldvermehrende Tätigkeit ohne Weiteres kapitalistisch wäre. Nur Fernand Braudel, der prominente Historiker der Annales-Schule, ist sich Milios zufolge über den Unterschied zwischen kapitalistischen und vorkapitalistischen »Unternehmungen« im Klaren, allerdings vernachlässige er die Rolle der Klassenausbeutung und ihrer jeweils spezifischen Formen.

Denn mit formalen Bedingungen ist hier nicht gemeint, dass der Kapitalismusbegriff von den realen kapitalistischen Verhältnissen absehend abgeleitet werden kann. Die theoretische Ebene der Studie verfährt quasi »von hinten nach vorne«: Die Wissenschaft schaut sich ihr Objekt in seiner bereits herausgebildeten Gestalt an und bestimmt die gesetzmäßigen Merkmale, die ihm seine Reproduktion ermöglichen.

An diesem Punkt allerdings, da ist Milios sicher, muss die Suche nach der Gesetzmäßigkeit enden. Die historische Ebene betritt hier die Bühne: Was ist mit Identitätspolitik gemeint?

es nicht mehr um die Reproduktionslogik eines bereits vorhandenen Kapitalismus, sondern um seine Entstehungsgeschichte geht, ist die konkrete historische Lage, die Konjunktur, unter die Lupe zu nehmen, um neuartige Ereignisse zu untersuchen.

Es gilt hier zu erklären, wie das in unseren Augen fertige Produkt Kapitalismus einmal nicht fertig war. Wie es also aus der Begegnung verschiedener Elemente entstehen konnte, die ihrerseits eine eigene Geschichte aufwiesen und einen anderen Weg hätten nehmen könnten.

Seine Entstehung sei durch das Zusammentreffen einer Reihe von Bedingungen möglich geworden, die nur in der spezifischen Konjunktion, in der sie einander begegnet sind, den Kapitalismus zum Ergebnis hatten.

Milios zufolge sah das Ganze etwa so aus: Der »vorkapitalistische Geldbesitzer« begegnet im Venedig des späten 14. Jahrhunderts dem »eigentumslosen Proletarier« in einer einzigartigen historischen Situation. Zwei bis drei Jahrhunderte zuvor war Venedig zu der größten Handelsmacht im Mittelmeer geworden und damit vom byzantinischen Reich nunmehr unabhängige Kolonialmacht.

Für ihre Handelsgeschäfte brauchte sie viele Schiffe und musste dementsprechende Manufakturen gründen, die Schiffe, Seile und Münzen für den Handel herstellen. Zu dem Zeitpunkt kann vom Kapitalismus noch nicht die Rede sein: Es gibt hier zwar einen - kollektiven - Geldbesitzer, den Staat, dieser ist aber noch nicht zugleich exklusiver Produktionsmittelbesitzer. Dazu werden sie erst in der zweiten Hälfte des 14. Die Ausweitung riesiger, staatsverwalteten Manufakturen - vor dem Hintergrund der genuesisch-venezianischen Kriege, der ökonomischen Antagonismen im Mittelmeer, der Krise des venezianischen Kolonialismus und der Pest - macht die Lohnarbeit zur dominierenden Form der Aneignung fremder Mehrarbeit, zur herrschenden Ausbeutungsform anhand eines Vertragsverhältnisses.

Zu einem spezifisch kapitalistischen Verhältnis wird es nach Milios erst jetzt, wo eine produktionsmittelfreie, arbeitende Klasse im großen Rahmen von einer nicht arbeitenden ausgebeutet wird. Parallel dazu etabliert sich das Kapitalverhältnis in den Handelsreisen. Die Geldbesitzer, die sich staatlicher Schiffe bedienen und andere, die eigene private Schiffe besitzen, werden, indem sie eigentumslose Proletarier rekrutieren, zu Kapitalisten. Eine weitere Entwicklung, die den venezianischen Staat in kapitalistische Verhältnisse führt, ist die Entwicklung eines komplexen Finanzsystems aufgrund der Was ist mit Identitätspolitik gemeint?.

Was ist mit Identitätspolitik gemeint?

Der Staat Venedigs weist zudem ab dem 14. Ebenso kapitalistisch Was ist mit Identitätspolitik gemeint? an diesem Staat, dass er langsam einen »unpersönlichen« Charakter annimmt, indem er sich von der herrschenden Klasse teilweise verselbstständigt und den ideologischen Effekt einer Neutralität erzeugt, der dem Was ist mit Identitätspolitik gemeint? von unten und der Zustimmung der Bevölkerung Vorschub leistet.

Im Gegensatz dazu plädiert Milios für eine nicht-teleologische Auffassung der Abfolge der Produktionsweisen. Er sieht mithin kein notwendiges historisches Produkt im Kapitalismus, sondern ein schlicht Zufälliges, dessen singulärer Entstehungsprozess sorgfältig untersucht und rekonstruiert werden muss, ohne allerdings das historisch Entstandene auf die Vergangenheit zu projizieren.

Dort, in der Vergangenheit, kann man sich die Elemente aussuchen, deren singuläre historische Artikulation die Entstehung des betrachteten Objekts ermöglicht hat, ohne die »erste« Artikulation der Elemente als bereits vorhandene vorauszusetzen: Der Geldbesitzer hat eine andere Geschichte als der eigentumslose Proletarier, so dass ihre Was Was ist mit Identitätspolitik gemeint?

mit Identitätspolitik gemeint? bedingte Begegnung nicht verdinglicht werden darf.

Was ist mit Identitätspolitik gemeint?

Die Gesetzmäßigkeit der »Begegnung« zwischen dem Geldbesitzer und dem eigentumslosen Proletarier sei dagegen erst nach dem »Greifen« beziehungsweise der Verfestigung ihrer zufälligen Begegnung zu suchen. Mit anderen Worten, die Frage der Gesetzmäßigkeit des Systems trifft nicht auf seine Entstehungsbedingungen, sondern auf seine Reproduktionsbedingungen zu.

Milios stützt sich hier auf den Ansatz des französischen Marxisten Louis Althusser. Letzterer hat in seinen Spätschriften eine Materialismusauffassung entwickelt, die sich jeder Art von Teleologie zu entledigen sucht: »Wie jeder Materialismus rationalistischer Prägung ist ein Materialismus der Notwendigkeit und der Teleologie.

Erstens der Versuch, jene passivitätsbejahende Determinismen, die die Überwindung der kapitalistischen Ausbeutung als vorgeschrieben betrachten, zu dekonstruieren. Zweitens die Bemühung, die finanzielle Existenzweise des Kapitals als strukturelles Merkmal des Kapitalismus nachzuweisen, indem er am Beispiel Venedigs die Figur des Geldbesitzers und des vorkapitalistischen Kaufmanns- und Wucherkapitals als wegbereitend für die allmähliche Einführung kapitalistischer Verhältnisse zeigt.

Damit möchte er die lang herrschende Vorstellung in Frage stellen, die die Rolle des Geldes bei der Entstehung des Kapitalismus Was ist mit Identitätspolitik gemeint?

und letztere auf die Geldanhäufung von wohlhabenden Bauern sowie Grundbesitzer zurückführt. Jannis Milios: Eine zufällige Begegnung in Venedig. Die Entstehung des Kapitalismus als Gesellschaftssystem. Sie macht diesen Journalismus erst möglich. Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Contact us

Find us at the office

Canzona- Dimeco street no. 37, 78300 Cayenne, French Guiana

Give us a ring

Ronzell Dupere
+94 603 665 727
Mon - Fri, 9:00-20:00

Write us